Dezember

Weihnachtssuppe

So, Kinder, heute ist unser letzter Schultag vor den Ferien und da wollen wir keinen richtigen Unterricht machen, sondern …

Eine tolle Suppe kochen!

Nein, Engin, wir wollen gemeinsam Plätzchen backen!

Nö, wir kochen eine Weihnachtssuppe.

Wer sagt das?

Wir! Wir haben abgestimmt. 14 zu 10. Das ist Demokratie und daran muss sich auch eine Lehrerin halten.

Na, schön. Wer hat also etwas für eine Weihnachtssuppe mitgebracht?

Ich! – Ich! – Ich! – Ich auch!

Also alle!

Nö, der Mustafa hat nichts mitgebracht, weil er kein Weihnachten feiern darf.

Darf ich doch, du Blödspinner!

Darfst du nicht, weil du gar nicht an den Weihnachtsmann glaubst!

Wir feiern sogar zweimal Weihnachten!

Wann denn?

An Weihnachten und … an Weihnachten eben.

Jens und Mustafa, jetzt ist aber gut. Kinder, kommt an den Tisch! – Wer bist du denn?

Das ist mein Bruder Benni. Der geht eigentlich noch in den Kindergarten, aber da gibt es keine Weihnachtssuppe. Und weil er so geheult hat, musste ich ihn mit in die Schule nehmen, hat meine Mama gesagt. Ich kann nichts dafür.

Guck mal, Frau Lehrerin, der Rolf hat seinen Hasen mitgebracht.

Was hat Rolf mitgebracht?

Ich hab’ gedacht, und meine Mutti hat auch nichts dagegen gehabt, wenn vielleicht von dem vielen Gemüse was übrigbleibt, brauche ich meinen Maxi heute Abend nicht mehr füttern.

Brauche ich ihn nicht ZU füttern.

DU doch sowieso nicht!

Der Hase kommt nicht auf den Tisch!

Der ist ganz brav. Wenn ich Platz! sage, dann frisst er auch nichts, ehrlich.

Rolf, ich will den Hasen nicht mehr sehen!

Na schön, stecke ich ihn eben in den Papierkorb.

Haben wir sonst noch irgendwelche unbekannten Gäste? – Clarissa, deine Stoffmaus ist kein Gast, du trägst sie ständig mit dir herum. Nun, Kinder, legt das Gemüse auf den Tisch. Nicht alles auf einen Haufen, schön verteilt, der Tisch ist groß genug.

Ist er nicht, da passt nicht mal mein Hase drauf!

Rolf!

Soll ich schon mal den Topf holen? Mein kleiner Bruder hilft mir beim Tragen.

Der Topf steht drüben im Schrank. Nehmt noch Daniel mit.

Der Topf hat aber bloß zwei Henkel.

Dann kann sich Benni gleich reinsetzen, und wir tragen ihn zusammen zum Herd.

Halt! Ich hol lieber selber den Topf. Herbert und Ludmilla, fangt schon mal mit dem Gemüsewaschen an, und die andern Kinder reichen an.

Mensch, die Möhren sind aber dreckig!

Und erst die Kohlrabi!

Frau Lehrerin, ich mag keine Gemüsesuppe. Meine Mama sagt, zum Weihnachtsfest gehört ein Gänsebraten!

Stimmt doch gar nicht! Weihnachten macht man Fondue!

Nein, Gänsebraten, sagt meine Oma auch und meine Uroma …

Das kommt bloß, weil du keinen Vater hast!

Charlotta, hör’ auf zu weinen, und du, Torsten, halt den Mund!

Weiberwirtschaft, sagt mein Vater.

Herbert, was machst du denn da?

Er wäscht die Möhren – mit Seife!

Und die Kohlrabi auch!

Jetzt sind richtig schön sauber geworden.

Wenn du dir einmal die Hände so gründlich waschen würdest! Spül’ die Seife mit Wasser vom Gemüse ab!

Igitt, da krabbelt was!

Huahh, ein Wasserratte!

Kinder, es ist nicht mehr viel Zeit, wir müssen das Gemüse schneiden.

Da krabbelt ganz viel im Wasser!

Wo?

Da!

Das sind doch bloß ein paar Blattläuse, die schmeckt man fast gar nicht raus.

Aber unterm Wasserhahn schwimmt ein riesengroßer Käfer!

Die Mörderkäfer greifen an, huahhh!

Engin, du siehst zu viel Fernsehen!

Da krabbelt wirklich ein Käfer.

Lass mal sehen. Das soll ein Mörderkäfer sein? Das ist höchstens eine Tarantel!

Nein, Engin, das ist ein Ohrenkneifer. Fischt ihn raus und setzt ihn auf die Fensterbank. Nun, wer traut sich? Du, Rolf?

Bevor mein Hase verhungert.

Igitt! Moment, ich nehme den Deckel vom Kochtopf. Torsten, du Ferkel, jetzt bin ich völlig nass.

Ich wollte den Mistkäfer doch bloß erschrecken.

Torsten, das ist kein Mistkäfer, ach was, das Kochbuch ist auch nass geworden. Fangt jetzt mit dem Kleinschneiden an. Was ist Klara?

Wir hätten lieber Plätzchen backen sollen!

Axel?

Bei uns werden Weihnachten auch immer Plätzchen gebacken.

Bei uns auch! – Und bei uns. – Wir backen auch.

Backen ist was für arme Leute, wir können uns ganz teure Plätzchen leisten.

Weil deine Mutter nicht backen kann.

Meine Mutter kann doch backen!

Deinen Geburtstagskuchen konnte aber keiner essen. Den hätte nicht mal Rolfs Mörderhase durchgebissen, so hart war der.

Du bist so gemein. Dich lade ich nie, nie wieder zu meinem Geburtstag ein!

Schneidet jetzt das Gemüse, sonst werden wir nie fertig! Toni, fang mit den Kartoffeln an.

Ich kann die Kartoffeln nicht schneiden.

Toni, stell dich nicht so an.

Meine Mama backt mit uns ein ganzes Lebkuchenhaus mit Zuckerguss und Smarties.

Autsch!

Jetzt hat sich der Toni in den Finger gesäbelt!

Toni?

Ich hab’ doch meine Brille zu Hause vergessen!

Ist ja nicht so schlimm, wasch’ dir rasch das Blut ab. – Doch nicht über dem Gemüse! Nehmt erst die Schüssel aus dem Becken. Ines, geh’ mit Toni zum Hausmeister und holt ein Pflaster!

Ich brauche auch ein Pflaster!

Ich auch.

Ich will ein buntes!

Ines, bring gleich den ganzen Verbandskasten mit. Sonja, warum weinst du denn, hast du dich auch geschnitten?

Der Heiko hat gesagt, dass mein Rotkohl nicht in die Weihnachtssuppe darf.

Petze!

Meine Mutter hat gesagt, das andere Gemüse wäre viel zu teuer, wo bei uns doch sowieso nichts Gescheites herauskäme.

Kinder, ich muss mich einen Augenblick hinsetzen, bitte löst das Problem möglichst demokratisch!

Heiligabend gibt es bei uns nur Kartoffelsalat und Würstchen.

Bei uns wird nur gegessen und gegessen. Am meisten isst mein Opa. Der isst sich immer so voll, dass er sich bei der Bescherung nicht mehr nach seinen Geschenken bücken kann.

Meine Oma kann sich schon lange nicht mehr bücken!

Bei uns gibt es gar keine Bescherung.

Aber zweimal Weihnachten feiern!

Ich bin dafür, dass Sonjas Rotkohl mit in die Weihnachtssuppe darf. Schließlich ist sie Klassensprecherin!

Ich bin dagegen.

Du willst den Rotkohl doch bloß für deinen Hasen abstauben! Also hinein mit dem Rotkohl in die Suppe!

Aber doch nicht der ganze Kopf auf einmal! Kommt, Kinder, bevor es ein Gemetzel wird, schneide ich euch den Kohl klein.

Der Papierkorb ist umgefallen.

Und der Hase vom Rolf ist weg.

Gar nicht wahr, der sitzt in Schrank und frisst die Zeichenblöcke.

Zu Hause kriegt jeder von uns einen bunten Teller mit Äpfeln, Nüssen und Plätzchen.

Auf die Äpfel kann ich verzichten, die nehmen doch bloß Platz weg.

Nun fangt endlich den blöden Hasen wieder ein!

Der ist aber noch gar nicht satt!

Charlotta, warum meldest du dich die ganze Zeit?

Ich melde mich gar nicht!

Warum schnipst du dann so mit den Fingern?

Ich schnipse doch gar nicht.

Was machst du dann?

Sie zielt mit den Rosinen nach dem Kochtopf und hat auch schon ordentlich getroffen.

Die Rosinen sind von unserm Stollen übriggeblieben.

Weiberwirtschaft!

Torsten!

Ich hab’ doch gar nichts gesagt.

Moment, ich mach euch den Herd an, um das Wasser aufzukochen. Wo sind die Brühwürfel?

Welche Brühwürfel?

Die lagen vorhin noch auf der Fensterbank.

Auf welcher Fensterbank?

Engin, rück’ sofort die Brühwürfel wieder raus!

Ich haben doch keine.

Engin!

Die haben so gut geschmeckt. Aber einen halben hab’ ich noch in meiner Hosentasche.

Halt! – Lass’ ihn bloß in der Hosentasche.

Am Weihnachtstag gibt es bei uns gebackenen Karpfen. Der schmeckt lecker!

Toter Fisch, ich könnt’ kotzen!

Lass’ Petra sofort in Ruhe!

Petra und Herbert sind ein Liebespaar. Petra und Herbert sind ein Liebespaar!

Hört auf, euch zu prügeln! Kevin, hör auf! Kevin! Du schreibst bis nach den Ferien zwanzig Mal: Ich darf einen Mitschüler nicht in den Magen boxen.

Kann ich nicht, wir fahren in Skiurlaub.

Ist die Suppe noch immer nicht fertig?

Kochen ist langweilig!

Deshalb müssen auch die Frauen kochen!

Torsten, noch so ein Spruch, und du schreibst auch eine Strafarbeit.

Mach’ ich nicht, der Freund von meiner Schwester ist Rechtsanwalt.

Wo bloß Toni und Ines bleiben?

Ich kann sie sehen, Frau Lehrerin. Sie sitzen draußen auf der Mauer und futtern die Würstchen. Sie kommen bestimmt gleich wieder rein, ich glaub’, sie haben alle Würstchen weggeputzt.

Kinder, unsere Weihnachtssuppe wird ein Festessen!

Toni und Ines kommen doch nicht rein. Sie gehen nach Hause.

Ich will auch nach Hause. – Ich auch. – Und ich! – Wartet, ich muss den Hasen noch einfangen!

Kinder, es muss schon geklingelt haben. Hier in der Küche hört man nie das Klingeln. Wartet doch, die Suppe ist auch bald fertig. Kinder. Wollt ihr denn nicht bleiben … Frohes Fest … Kinder …

 

© Günter von Lonski, 2016

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