September

Künstlerische Perspektive

„Hildegard, zier dich nicht so!“
Sie mochten sich seit Jahren, auf Distanz. Irgendwie wollte es mit dem näheren Kennenlernen nicht klappen. So entwickelte er einen Plan:

Er ging in einen Volkshochschulkurs. Jeden Donnerstag, zwei Stunden, vier Semester, zwei Jahre: Zeichenschule 01204: Wir versuchen, alltäglich Gesehenes umzusetzen in Skizzen und/oder gut komponierte Zeichnungen. Fast sechshundert Mark hat ihn der Spaß gekostet. Dafür hätte er mindestens zwölf Blumensträuße inklusive Zustellung bei Fleurop in Auftrag geben können. Doch Hildegard stand mehr auf Kultur, das wusste er.

Nach dem Kurs ist er jedes Mal am Fenster ihres Büros vorbeimarschiert, die blaue Zeichenmappe unauffällig, aber unübersehbar in der Hand schwenkend.

Auf dem Weihnachtsmarkt, am Stand der Arbeiterwohlfahrt, hat sie ihn dann endlich gefragt: „Du malst doch nicht etwa?“

„Ich zeichne!“

„Was zeichnest du denn?“

„So dies und das.“

„Was ist dies und das?“

„Bauklötze eben und Klopapierrollen, manchmal auch Efeu an Hauseingängen und Wirsingblätter.“

„Toll!“

„Am liebsten aber zeichne ich Menschen.“

„So richtig nach dem Leben?“

Er betrachtet sie von der Seite. Seine Stimme zittert: „Frauen sind meine Spezialität!“

Es dauerte noch mehrere Gläser Glühwein und Schlehenfeuer, bis sie ihn endlich fragt: „Warum zeichnest du mich nicht mal?“

„Weil du mich noch nie gefragt hast.“

„Jetzt frage ich dich.“

So kommt sie ein paar Tage später im hoch geschlossenen Kamelhaarmantel in seine Wohnung, betritt zögernd das Wohnzimmer und setzt sich mit angewinkelten Knien auf die Kante eines Sessels.

Eine halbe Stunde dauert es, bis sie endlich den Gürtel am Mantel lockert, eine weitere viertel Stunde bis sie den Mantel auszieht.

„Hildegard, zier dich nicht so! Sieh mich als Künstler, nicht als Mann!“

Eine wirkungsvolle Formulierung. Hildegard trennt sich nach kurzem Zögern von mehreren Kleidungsstücken und lässt sich zur Couch dirigieren.

Zur Auflockerung wird ein Gläschen Sekt getrunken. Und noch eins und noch eins. „Prost Gerti! Prost Karl!“

„Ich zeichne dich als Venus von Milo!“ sagt Karl.

„Ist das nicht die Statue ohne Arme?“

„Ob mit, ob ohne Arme, auf alle Fälle ist sie nackt!“

„Kommt gar nicht in Frage!“

Noch ein Gläschen Sekt, noch ein Du bist tausendmal schöner als sie, noch ein Ich sehe dich als Künstler, nicht als Mann, und sie trennt sich von ihren letzten Hüllen.

Karls Finger zittern, als er den Bleistift, Stärke HB, ansetzt.

„Wie malst du mich?“

„Ich zeichne dich!“

„Du mit deiner Rechthaberei!“

„Ich zeichne dich in der Perspektive, die hatten wir im letzten Semester.“

„Toll!“ Sie räkelt sich, greift erneut zum Sektglas.

„Dreidimensional sozusagen.“

„Soll ich die Arme lässig über die Lehne hängen lassen oder hinter dem Kopf verschränken?“

„Mit der einfachen Überschneidung werden Dinge in räumliche Beziehung zueinander gesetzt!“

„Bei mir überschneidet sich nichts!“

„Beug dich ein bisschen vor, denn mit der Entfernung nimmt die Detailgenauigkeit ab, habe ich gelernt.“

„Ist es so recht, mein kleiner Milo?“

„Moment, das muss ich nachmessen: Die schrägen Linien an der vorderen Eckkante bilden zusammen einen stumpfen Winkel. Alle anderen Linien, die in der Erscheinungswirklichkeit waagerecht sind, verlaufen parallel zu den zuerst gezeichneten schrägen Seitenkanten.“

„Warum grinst du so?“

„Linie kann ich an dir nicht entdecken, nur Kurven.“

„Gefallen sie dir?“

„Moment, lass mich überlegen: Die im Schrägbild perspektivisch verzerrte Darstellung eines liegenden Kreises ist immer eine waagrecht liegende Ellipse!“

„Meine Kreise sind keine Ellipsen!“ Sie schmollt, greift nach seinem Gürtelende.

„In die so entstandenen Rauten werden die Ellipsen eingezeichnet, welche die Rauten an den Schnittstellen der Mittelachse berühren.“

„Komm, lass mich deine Mittelachse berühren!“

„So geht es nicht! Ich muss es mit der Zentral- oder Fluchtpunktperspektive versuchen. Nehmen wir zuerst die am weitesten vorstehenden Teile.“

„Immerhin Körbchengröße B 75!“

„Alle Linien, die in der Wirklichkeit senkrecht sind, sind auch in der Zeichnung senkrecht. Alle Waagerechten, die vom Betrachter weg in die Tiefe laufen, treffen sich im Fluchtpunkt.“

„Ich steh auf Künstler, Künstler sind so einfühlsam!“

„Liegt die Horizontlinie über dem Körper, hat man die Aufsicht auf den Körper. Alle Fluchtlinien laufen dann nach oben.“

„Fällt dir sonst nichts ein beim Anblick deiner Venus?“

„Von dem erreichten Schnittpunkt ziehen wir die Parallele zum Raumquerschnitt über Boden, Wand und Decke.“

„Ich glaube, du hast die Zeit mit dem Zeichenkurs einfach vertan.“

„Du hast recht. Weg mit der Konstruktion der Perspektive! Letztlich gilt immer das, was das Auge als richtig oder falsch empfindet. So dürfen gut konstruierte Raumillusionstricks verbessert oder geändert werden – nach Augenmaß!“

Gerti steht auf und drückt Karl einen Kuss auf die Stirn: „Du hättest besser den Kurs 372001 belegen sollen: Was Männer über Frauen wissen sollten!“

 

 

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