Oktober

Der verhängnisvolle Brief

Melanie sitzt an der Kasse von unserer Tankstelle, meist steht sie allerdings dahinter. Ich mache die Waschstraße, und Melanie kassiert Sprit, Zeitschriften, Mars-Riegel und den ganzen Kram. Heute Morgen ist sie zu mir in mein Kabäuschen gekommen und hat mir einen Brief auf den umgedrehten Eimer geworfen. Ein Tisch passt ja nicht in den Verschlag.

„Was ist los?“, habe ich gefragt und den Brief schnell vom Eimer genommen, weil er schon anfing durchzuweichen.

„Was los ist“, hat sie gesagt, „das wollte ich dich gerade fragen.“

„Was soll schon los sein?“, habe ich gefragt und dabei unauffällig auf den Briefumschlag geschielt, konnte den Absender aber nicht erkennen.

„Du verheimlichst mir etwas!“, hat Melanie gesagt.

„Na, schön“, habe ich gesagt, die vier Euro aus meiner Jackentasche geholt und ihr hingehalten. „Ich weiß bloß nicht, warum ich mein Trinkgeld immer mit dir teilen muss und du deins für dich allein behältst.“

„Weil mein Frisör viel teurer ist als deiner!“, hat Melanie gesagt. „Aber davon verstehst du nichts!“ Und schon war ich die vier Euro los.

Ich habe mein Butterbrot in die Dose gepackt und noch einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne getrunken, bin aufgestanden und wollte Melanie so im Vorübergehen einen Kuss aufdrücken. Hat ganz schön weh getan, ihre Schuhspitze an meinem Schienbein, sie macht seit Monaten Selbstverteidigung.

„Was soll das?“, habe ich gefragt.

„Wer ist die andere?“, hat Melanie gefragt.

„Welche andere?“ habe ich gefragt und bin vorsichtshalber zu Tür raus.

Melanie hat mir in die Jackentasche gegriffen, erst die roten Gummihandschuhe erwischt und dann den Briefumschlag gezogen.

„Den Brief von deinem alten Freund Wolfgang habe ich hinter dem Kühlschrank gefunden!“, hat sie gesagt und einen feuchten Bogen Papier aus dem nassen Umschlag gefischt.“

„Was“, habe ich versucht, Zeit zu gewinnen, „Wolfgang lebt auch noch?“

„Woher soll ich das wissen?“, hat Melanie gesagt.

„Er könnte doch gar nicht schreiben, wenn er nicht mehr leben würde!“, habe ich gesagt.

„Der Brief ist sechs Jahre alt.“, hat sie gesagt.

„Was gibt’s denn heute Abend zu essen?“, habe ich gefragt, weil ich doch gar kein richtiges Frühstück hatte.

„Wir sind seit acht Jahren zusammen!“, hat Melanie gesagt.

„Tut mir leid“, habe ich zu Melanie gesagt, „dass ich mal wieder unsern großen Tag vergessen habe. Ich besorg nachher die Blumen. Kannst du mir die vier Euro zurückgeben?“

„Wolfgang schreibt“, hat Melanie gesagt, „dass er dir von ganzen Herzen zu deiner neuen Eroberung gratuliert. So etwas Rassiges wie T. hätte er dir Weichspüler schon gar nicht mehr zugetraut. Tadelloses Aussehen, aufregende Figur und wahnsinnig erotische Ausstrahlung.“

„Ganz bestimmt hat er dich gemeint“, habe ich zu Melanie gesagt.

„Besonders würden ihm die geringen Ansprüche gefallen,“ hat Melanie gesagt.

„Stimmt“, habe ich gesagt und an mein Trinkgeld gedacht, „damit konnte er dich nicht meinen.“ Schon hat sie wieder den Fuß gehoben, aber ich habe mich rasch hinter das Blechfass mit den verdreckten Papiertüchern gestellt.

„Ich will sofort wissen“, hat Melanie gesagt, „wer T. ist, sonst sind wir geschiedene Leute!“

„Dafür müssten wir doch erst mal verheiratet sein“, habe ich gesagt.

„Lenk nicht ab“, hat Melanie gesagt, „wer ist T.?“

„Gib mir mal den Brief!“, habe ich gesagt und dabei überlegt und überlegt.

„Traudel, Trudi, Tamara?“, hat Melanie gefragt.

„Ich kenn keine Traudel-Trudi-Tamara!“, habe ich gesagt. Da hat Melanie vor Wut gegen das Fass getreten. Und wer muss die neuen Schuhspitzen bezahlen? Dabei hätte ich mir so gern einen Wackel-Dackel für mein Kabäuschen gekauft.

„All die Jahre habe ich geahnt, dass du mich betrügst.“, hat Melanie gesagt und dabei den Mund ganz schief verzogen. „Aber glaub bloß nicht, ich hätte immer still zu Hause gesessen und mir die Augen nach dir ausgeweint!“

„Ich weiß“, habe ich gesagt, „du warst jeden zweiten Abend in der Volkshochschule!“

„Von wegen Volkshochschule“, hat Melanie gesagt, „ich habe mich ganz woanders weitergebildet.“

„Wo denn?“, bin ich neugierig geworden.

„Bei Manfred und Dieter!“, hat sie gesagt und sich die Augen mit dem Ärmel ihres Kittels abgewischt.

„Du hast mich also mit Manfred und Dieter betrogen?“, habe ich gefragt.

„Und wer ist bitte T.?“, hat Melanie gefragt.

„Ich kann mich wirklich nicht erinnern!“, habe ich gesagt.

„Du bist und bleibst ein elender Feigling!“, hat sie gesagt. „Ja, ich habe dich betrogen! Mit Manfred, Dieter und Paolo vom Pizza-Service!“ Dabei habe ihre Augen richtig gefunkelt.

„Meinst du“, habe ich gefragt und dabei erstaunlicher Weise an Königsberger Klopse gedacht, „wir könnten uns wieder vertragen?“

„Niemals“, hat Melanie gesagt, „du gehst zu deiner T., und ich weiß noch nicht, was ich tue!“

Da ist es mir siedend heiß eingefallen, und ich habe an Melanies Nudelauflauf gedacht. „Ich kann nicht mehr zu T. gehen“, habe ich gesagt.

„Hat sie sich einen andern gesucht“, hat Melanie gefragt, „und den reizenden Karl einfach sitzen lassen?“

„Ich habe sie verschrottet!“, habe ich gesagt.

„Du bist nicht nur ein hemmungsloser Fremdgänger, dir fehlt auch jegliches Feingefühl im Umgang mit deinen Mitmenschen!“, hat Melanie gesagt.

„Mir ist bloß eingefallen, wer T. war!“, habe ich gesagt.

„Die Dicke aus dem Edeka-Laden oder der rotgefärbte Drachen von der Post?“

„T. hast du genau so geliebt wie ich“, habe ich gesagt, „es war unser kleiner, schnuckeliger Trabant mit dem Faltschiebedach und den rosa Stoßstangen!“

Einen Augenblick hat Melanie überlegt, dann hat sie gesagt: „Soll ich dir heute Abend deinen heißgeliebten Grießpudding kochen?“

Und ich habe überlegt, was mir bei A. eingefallen wäre oder bei I. oder so.

 

© Günter von Lonski, 2017

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