November / Dezember

Morgen, Kinder …

„So, Kinder, heute ist unser letzter Schultag und da wollen wir keine richtige Unterricht machen, sondern …“
„Fußball spielen!“
„Azeb, wir wollten eine Kartoffelsuppe kochen. Wer hat etwas für unsere Kartoffelsuppe mitgebracht?“
„Ich!“ – „Ich!“ – „Ich!“ – „Ich auch!“
„Also alle!“
„Nö, der Musti hat nichts mitgebracht, weil er nicht in Urlaub fährt.“
„Fahr ich doch, du alte Petze!“
„Du fährst doch bloß in die Türkei, aber wir fahren in den Westerwald!“
„Kevin und Mustafa, streitet nicht! Kinder, kommt an den Tisch! – Wer bist du denn?“
„Das ist mein Bruder Benni. Der geht eigentlich noch in den Kindergarten, aber da gibt es heute Fisch. Und weil er so geheult hat, musste ich ihn mit in die Schule nehmen, hat meine Mama gesagt. Ich kann nichts dafür.“
„Guck mal, Frau Graupe, der Rolf hat seinen Hasen mitgebracht.“
„Wen?“
„Ich hab’ gedacht, und meine Mutti hat auch nichts dagegen gehabt, wenn vielleicht von dem vielen Gemüse was übrig bleibt, brauche ich meinen Max heute Abend nicht mehr füttern.“
„Brauche ich ihn nicht zu füttern.“
„Aber Frau Graupe, du hast doch gar keinen Hasen!
„Der Hase kommt aber nicht auf den Tisch!“
„Der ist aber ganz brav. Wenn ich Platz!  sage, dann frisst er auch nichts, ehrlich.“
„Rolf, ich will den Hasen nicht mehr sehen!“
„Na schön, ich setz ihn in den Papierkorb.“
„Haben wir sonst noch Gäste zu begrüßen? Clarissa, deine Stoffmaus ist kein Gast, die hast du doch immer dabei. Nun, Kinder, legt das Gemüse auf den Tisch. Nicht alles auf einen Haufen, schön verteilt, der Tisch ist groß genug.“
„Ist er nicht, da passt nicht mal mein Hase drauf!“
„Rolf!“
„Soll ich schon mal den Topf holen? Mein kleiner Bruder hilft mir beim Tragen.“
„Herbert und Ludmilla fangt schon mal mit dem Waschen an, und die andern Kinder reichen das Gemüse an.“
„Mensch, sind die Möhren dreckig!“
„Und erst die Kohlrabi!“
„Frau Graupe, ich mag keine Kartoffelsuppe, Kartoffelsuppe macht dick!“
„Charlotta spinnt! Rosenkohl macht dick und Spargel auch!“
„Nein, Kartoffelsuppe, sagt meine Mama.“
„Das kommt bloß, weil du keinen Vater hast!“
„Charlotta, hör’ auf zu weinen, und du, Torsten, halt den Mund!“
„Weiberwirtschaft, sagt mein Vater.“
„Herbert, was machst du denn da?“
„Er wäscht die Möhren mit Seife.“
„Und die Kohlrabi auch!“
„Sie sind alle schön sauber geworden.“
„Wenn du dir einmal die Hände so gründlich waschen würdest! Spül’ das Gemüse mit Wasser ab!“
„Igitt, da krabbelt was!“
„Huahh, ein Wasserratte!“
„Kinder, wir müssen das Gemüse noch schneiden.“
„Da krabbelt ganz viel im Wasser!“
„Wo?“
„Da!“
„Das sind bloß ein paar Blattläuse, die schmeckt man fast gar nicht.“
„Aber unterm Wasserhahn schwimmt ein riesengroßer Käfer!“
„Der Mörderkäfer greifen an, huahhh!“
„Azeb, du schaust zuviel Fernsehen!“
„Da krabbelt wirklich ein Käfer.“
„Lass mal sehen. Das soll ein Mörderkäfer sein? Das ist höchstens ein Dinosaurier!“
„Nein, Azeb, das ist ein Ohrenkneifer. Fischt ihn raus und setzt ihn auf die Fensterbank. Nun, wer traut sich? Du, Rolf?“
„Bevor mein Hase verhungert.“
„Igitt! Moment, ich nehme den Deckel vom Kochtopf. Torsten, du Ferkel, jetzt bin ich völlig nass.“
„Ich wollte den Dinosaurier doch bloß erschrecken.“
„Das Kochbuch ist auch nass geworden. Fangt mit dem Kleinschneiden vom Gemüse an.“
„Wir hätten einen Kuchen backen sollen, ein Kuchen schmeckt viel besser als Kartoffelsuppe.“
„Finde ich auch!“ – „Ich auch.“ – „Meine Mutter backt jeden Sonntag!“
„Backen ist was für arme Leute, wir können uns die teuer­sten Torten aus der Tiefkühltruhe leisten!“
„Weil deine Mutter nicht backen kann.“
„Meine Mutter kann doch backen!“
„Deinen Geburtstagskuchen konnte aber keiner essen. Den hätte nicht mal Rolfs Mörderhase runtergekriegt, so hart war der.“
„Der war ja auch vom Sonntag vorher!“
„Schneidet bitte das Gemüse, sonst werden wir nie fertig! Toni, fang mit den Kartoffeln an.“
„Ich kann die Kartoffeln nicht schneiden.“
„Toni, stell dich nicht so an.“
„Am besten kann meine Mamma Tortenboden mit Aprikosen!“
„Autsch!“
„Toni hat sich in den Finger gesäbelt!“
„Toni?“
„Ich hab’ doch meine Brille vergessen!“
„Ist ja nicht so schlimm, wasch’ dir rasch das Blut ab. – Nicht über dem Gemüse! Nehmt erst die Schüssel aus dem Becken!“
„Sonja heult!“
„Sonja, warum weinst du, hast du dich auch geschnitten?“
„Der Heiko hat gesagt, dass mein Rotkohl nicht in die Suppe darf.“
„Heulsuse!“
„Meine Mutter hat gesagt, das andere Gemüse wäre einfach zu teuer, wo bei uns doch sowieso nichts Gescheites herauskäme.“
„Kinder, ich muss mich einen Augenblick hinsetzen, bitte löst das Problem alleine!“
“Meine Mutti kann ganz prima Streuselkuchen mit ganz viel Streusel und ganz wenig Kuchen!“
„Ich bin dafür, dass Sonjas Rotkohl doch in die Suppe darf. Schließlich ist sie Klassensprecherin!“
„Ich bin dagegen.“
„Du willst den Rotkohl doch bloß für deinen Hasen! Also hinein mit dem Rotkohl in die Suppe!“
„Aber doch nicht der ganze Kopf auf einmal! Kommt, Kinder, ich schneide euch den Kohl klein.“
„Der Papierkorb ist umgefallen.“
„Und der Hase vom Rolf ist weg.“
„Gar nicht wahr, der sitzt in Schrank und frisst die Zeichenblöcke.“
„Bei uns gibt es heute Hähnchen!“
„Wir haben jeden Tag Hähnchen!“
„Nun fang’ den blöden Hasen schon ein!“
„Der ist aber noch gar nicht satt!“
„Charlotta, warum meldest du dich die ganze Zeit?“
„Ich melde mich gar nicht!“
„Warum schnipst du dann so mit den Fingern?“
„Ich schnipse doch gar nicht.“
„Was machst du dann?“
„Sie zielt mit den Rosinen nach dem Kochtopf und hat auch schon ein paar Mal getroffen.“
„Die Rosinen sind vom Kuchen übrig geblieben.“
„Weiberwirtschaft!“
„Torsten!“
„Ich hab’ doch gar nichts gesagt.“
„Moment, ich mach euch den Herd an und schütte das Wasser in den Topf. Wo sind die Brühwürfel?“
„Welche Brühwürfel?“
„Die lagen vorhin noch auf der Fensterbank.“
„Auf welcher Fensterbank?“
„Azeb, rück’ sofort die Brühwürfel raus!“
„Ich haben keine.“
„Azeb?“
„Die haben so gut geschmeckt. Aber einen halben habe ich noch in meiner Hosentasche.“
„Lass ihn bloß drin!“
„Bei uns gibt es heute Mittag Fischstäbchen!“
„Toter Fisch, ich könnt’ kotzen!“
„Lass Petra sofort in Ruhe!“
„Petra und Herbert sind ein Liebespaar. Petra und Herbert sind ein Liebespaar!“
„Hört auf, euch zu prügeln! Kevin, hör auf! Kevin, du schreibst bis nach den Ferien zwanzig Mal: Ich darf einen Mitschüler nicht in den Magen boxen.“
„Kann ich nicht, wir fahren den ganzen Urlaub weg, und da gibt es kein Papier.“
„Kochen ist langweilig!“
„Deshalb müssen auch die Frauen kochen!“
„Torsten, noch so ein Spruch, und du schreibst auch eine Strafarbeit.“
„Mach’ ich nicht, der Freund von meiner Schwester ist Rechtsanwalt.“
„Frau Graupe, es hat geklingelt!“
„Ich will auch nach Hause.“ – „Ich auch.“ – „Und ich erst …“
„Wartet, Kinder, die Suppe ist gleich fertig. Wollt ihr sie denn nicht probieren? Wir wollten doch alle zusammen essen, Kinder! Schönen Urlaub auch und gute Erholung!“

© Günter von Lonski 2016

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