Mai

Am Ziel

Wir waren vor Jahren in Gunzenhausen am Altmühlsee. Kurz vor dem Urlaub hatte sich unser Sohn das Bein gebrochen, und sein Bein musste nun in Gunzenhausen im Krankenhaus vom Gips befreit und anschließend physiotherapiert werden. Während er im Behandlungsraum war, setzte ich mich meist nach draußen auf eine Bank vor dem Krankenhaus.

Einer der Physiotherapeuten war blind. Ein Mann so um die fünfundvierzig Jahre. Er musste erst vor kurzem erblindet sein, denn er übte in seinen Pausen das Laufen mit dem weißen Stock. Er machte immer dieselbe Runde, raus aus dem Krankenhaus, eine abschüssige Straße hinunter, am Wäldchen links und dann wieder hinauf durch den kleinen Krankenhausgarten zurück in die Physiotherapie.

Ich habe ihn wohl vierzehn Tage in unterschiedlichen Zeitabständen beobachten können. Mit jeder seiner Runden wurde er sicherer. Doch immer, wenn er in den Krankenhausbereich einbog, gerade dort, wo das Vordach der Eingangshalle begann, knallte er mit dem Kopf gegen eine armdicke Metallstütze des Vordachs.

Beim ersten Mal sprang ich sofort von meiner Bank auf, um ihm zu helfen, doch er war schneller im Haus verschwunden, als ich ihn erreichen konnte.

Er schien sich seinen Weg genau einprägen zu wollen, und bei jeder seiner Runde brauchte er den weißen Stock weniger einzusetzen. Er ertastete nur noch die Bordsteinkanten, lief dann frei, ließ seinen Stock an dem Maschendrahtzaun entlangspringen, bog am Eisengully links ab, am Papierkorb nochmals links und bums, lief er mit dem Kopf gegen die Metallstütze.

Seine Runden wurden immer schneller, auch vor dem Eingang verlangsamte er sein Tempo nicht und knallte jedes Mal gegen den Pfosten.

Ärger und Zorn verdrängten von Tag zu Tag mehr mein Mitgefühl und meine Hilfsbereitschaft. Warum konnte sich dieser Kerl ausgerechnet dieses Hindernis nicht merken? Warum am Eingang des Krankenhauses nicht langsamer und vorsichtiger laufen? Warum ließ er sich nicht helfen? Warum rieb er sich nicht mal die Stirn, wenn er wieder gegen den Pfosten geknallt war, sondern verschwand so schnell wie möglich hinter der Glastür.

Eines Tages, es war die vorletzte Behandlungsstunde unseres Sohnes, bog er am Papierkorb links ab, kam wieder an meiner Bank vorbei und lief, ohne sein Tempo zu verringern, haarscharf an dem Hindernis vorbei. Er verlangsamte sein Tempo, ein Lächeln glitt über sein Gesicht, und er schritt langsam und zufrieden die letzten Meter bis zur Glastüre.

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