März

Auf … zur Documenta14  – wir kommen!

Liebling, meine Kollegin Hannelore meint, sie sei eine richtige Künstlerinnen.
Weil Sie T-Shirts und Jeans im Modehaus verkauft?
Hannelore war auf der documenta.
Mein Freund Heiner war auch auf die documenta. Zwei Stunden hat er das Fridericianum gesucht, dann ist er beim ‘Alten Fritz’ eingekehrt.
Ihr Männer denkt immer nur ans Saufen!
Heiner ist doch kein Banause, sondern Lebenskünstler! Für ihn gehört zur Kultur ein Pils in zwölfeinhalb Minuten zu zapfen und es dann genüsslich die Kehle herunterrinnen zu lassen.
Jedenfalls ist Hannelore am Kasseler Bahnhof ausgestiegen und da war auch schon ganz viel moderne Kunst: überquellende Papierkörbe, kaputte Zigarettenautomaten und angesprayte Sitzbänke.
Das haben wir auf unserm Bahnhof auch!
Als Hannelore gerade alles so richtig bewundern wollte, hat ihr ein Einheimischer grinsend erklärt, dass sie auf dem falschen Bahnhof steht.
Ich verstehe nur Bahnhof.
Kassel hat einen Bahnhof, an dem die meisten Züge ankommen. Das ist aber nicht der Hauptbahnhof, sondern der Bahnhof Wilhelmshöhe und der Hauptbahnhof, der kein richtiger Hauptbahnhof mehr ist, das ist jetzt der Kunstbahnhof.
Das ist Literatur und keine bildende Kunst.
Jedenfalls hat ihr am Kunstbahnhof ein Mann ganz toll gefallen, der auf einem schrägen Stab zum Himmel hinaufmarschiert.
Das geht bestimmt in die Knochen!
Blödmann! Das ist doch eine Plastik und die durfte sich Hannelore gar nicht so richtig ansehen, meinte der Einheimische, weil die noch von der vorhergehenden documenta stehengeblieben ist.
Welch ein Glück, dass sie nach der letzten documenta nicht alles weggeschmissen haben.
Allerdings hätte Hannelore schwören mögen, den Gipfelstürmer an anderer Stelle schon mal gesehen zu haben.
Sie hat eben Hallizu… Hallzuni… sie bildet sich eine ganze Menge ein!
Jedenfalls hat sich Hannelore schnurstracks auf den richtigen Kunstparcours begeben: runter in den schmuddeligen Fußgängertunnel, rauf auf die langweilige Fußgängerzone, runter in die dreckige Fußgängerunterführung und wieder rauf auf eine ätzend langweilige Geschäftsstraße …
Da war Heiner bestimmt schon bei seinem vierten Pils.
In einer der Fußgängerunterführungen hatte Hannelore dann ihr Outing als Künstlerin. Da ist nämlich ein Laden eigenhändig von einer documenta-Künstlerin eingerichtet worden, in dem sie eigenhändig Klamotten verkauft, die sie vorher wohl eigenhändig aus dem Kleidersack von Catherine David stibitzt hat.
Wenn’s jemand kauft …
Die Leute haben sich schlimmer gedrängelt, als am langen Samstag im Kaufhaus – sagt Hanne L.
Hanne L.?
So nennt sich Hannelore jetzt mit Künstlername.
Trotzdem ist sie keine richtige Künstlerin, weil es keine Kunst ist, fabrikneue Ware zu verkaufen. Die Kunst besteht darin, alte Klamotten mit Gewinn loszuschlagen. Das erlebst du doch selber auf jedem Flohmarkt.
Auf dem Kunstparcours gibt es nicht nur alte Sachen, da reiht sich ein künstlerisches Geschäft an das andere. Eins verkauft angemalte Schuhe, das andere sprechende Dessous und beim
dritten Geschäft kann man sich von einer Kamera aufnehmen lassen und sieht sich, wenn man ganz schnell läuft, auf einem Bildschirm im gegenüberliegenden Geschäftes wieder.
Auf der ducumenta muss man eben gut zu Fuß sein, meint auch mein Freund Heiner.
Dann war Hanne L. auch schon am Fridicianum. Sie hat sich das ‘Buch zur documenta‘ gekauft, um nachzulesen, was es im Fridicianum zu sehen gibt. Doch das XXL-Buch mit seinen tausend Seiten hat ihr allen Mut genommen. Es war ihr einfach zu schwer für Körper und Geist! Darum hat sich Hanne L. schnurstracks zur Erholung in die Fuldaauen begeben.
Um dort ihre gelassene Einstellung zu sich und der modernen Kunst wiederzufinden?
Von Ruhe keine Spur! Sie ist mitten in eine Führung geraten, die von Wiese zu Wiese und von Kunstwerk zu Kunstwerk eilte. Zuerst war da ein vergammelter Wohnwagen, in dem man einem Mann beim Wohnen zugucken konnte. Das sollte die Entfremdung des Menschen vom Menschen zeigen. Dann war da ein niedlicher Schweinestall, der sollte die Entfremdung des Menschen von der Natur demonstrieren. Schließlich ist Hanne L. an einem U-Bahn-Bahnhof ohne U-Bahn-Anschluss gelandet.
Hauptsache, sie hatte nichts verpasst!
Was meinst du, wen sie vor dem verschlossenen U-Bahn-Bahnhof getroffen hat? Deinen Kulturmenschen Heiner, der seit Stunden betrunken auf die Linie drei wartete!
©Günter von Lonski

Das könnte Dich auch interessieren...