Juni

Ganz Oben

Helga, gib mir doch bitte den dunklen Anzug aus dem Schrank.

Schatz, jetzt hast du es geschafft!

Ja, es ist endlich soweit!

Du hast es auch wirklich verdient. Zwanzig Jahre hast du dich für die Firma aufgeopfert!

Helga, meine Manschettenknöpfe!

Du hast für alle und alles den Kopf hingehalten und niemals aufgemuckt.

Wo sind bloß meine Manschettenknöpfe?

Nimm doch die Manschettenknöpfe mit den Münzen, die wir aus dem Nilpferdbecken im Zoo gefischt haben.

Ich zieh die mit Perlmutt an, ein Konfirmationsgeschenk meines Vaters!

Wie wäre er heute stolz auf seinen Sohn. Leider hat er es nicht mehr erleben dürfen.

Gib mir jetzt die silbergraue Krawatte raus!

Wir haben auch viel opfern müssen für deinen …

Für wessen?

… für unsern Erfolg! Anja hast du das Taschengeld für ein Jahr gestrichen, weil sie sich ein paar grüne Strähnen ins Haar gefärbt hat.

Und damit ausgerechnet unserm Prokuristen über den Weg gelaufen ist. Der hat doch gedacht, wir wären alle asozial!

Du warst schon ziemlich streng. Nils-Bruno hast du vor die Tür gesetzt, weil er bei einer Greenpeace-Demonstration mitmarschiert ist.

Ich hab überhaupt nichts gegen das Marschieren. Aber er musste sich von so einem Pressefuzzi knipsen lassen. Am nächsten Tag prangte sein Foto auf der Titelseite des Lokalanzeigers!

Aber niemand konnte ihn unter seiner schwarzen Kapuze erkennen.

Und was stand unter dem Foto? Nils-Bruno K aus H. Wie viele Nils Bruno Ks aus H gibt es wohl deiner Meinung nach?

So viele Gedanken macht sich doch kein Leser von dem Schnappschuss.

Du ahnst überhaupt nicht, wie mir mein Erfolg missgönnt wird!

Bis heute habe ich allerdings nicht verstanden, warum wir unsere kleine Ruth noch immer vor deinen Kollegen verstecken müssen.

Bei drei Kindern würden meine Kollegen doch glatt denken, wir hätten unser Reihenhäuschen vom Kindergeld finanziert!

Wenn es mir auch oft schwer gefallen ist: Ich war doch immer an deiner Seite und habe all deine Entscheidungen mit dir getragen.

Es hat sich doch wohl auch gelohnt! Letzte Woche noch ein Niemand und heute F 10!

Richtig vornehm siehst du aus in dem dunklen Anzug. Du wirst bei dem Fest einen richtig guten Eindruck machen.

Das will ich hoffen!

Moment, ich hab noch ein kleines Geschenk für dich!

Helga, beeil dich! Ich will als Erster da sein. Meine Arbeitskollegen sollen vor Neid platzen, wenn sie an mir vorüber gehen müssen.

Schau, Autofahrerhandschuhe aus echtem Nappaleder mit handgesteppten Nähte und deinem goldenen Monogramm! – Mein Schatz, jetzt bist du wer!

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