Juli

Nachts gehörst du mir!

 

Er dreht sich auf die andere Seite, zieht die Bettdecke bis zum Kinn.

Schatz, schläfst du schon?

Heute nicht – ich bin hundemüde!

Aber Knuddelkuschelmauseschnäuzchen, es ist doch erst halb elf!

Ich bin einfach fertig von dem harten Tag im Büro!

Denk einfach an gar nichts und lass mich machen.

Bitte …
Entspann dich einfach.

Ich kann mich nicht entspannen, wenn du so an mir rummachst.

Mach dir keinen Stress, ich streichle dich nur ein bisschen – hier und hier und …

Ist es wirklich erst halb elf? Mir ist, als wäre es … bin ich müde …

Das Telefon klingelt.

Willst du nicht drangehen?

Neiiiin.

Und wenn es deine blonde Kollegin mit dem Silberblick ist?

Einfach ignorieren, einfach nicht beachten! Ich bin so müde.

Das Telefon klingelt weiter.

Soll ich abnehmen?

Moment, es dauert nur eine Sekunde!

Er erhebt sich mühsam, schlurft in den Flur. Kommt nach einer Weile gähnend zurück und lässt sich ins Bett fallen.

Und?

Falsch verbunden!

Na, schön, jetzt bist du wenigstens annähernd wach.

Morgen, morgen kannst du alles von mir verlangen, mit und ohne Licht.

Das Telefon klingelt erneut.

Du willst es doch wohl nicht die ganze Nacht klingeln lassen?

Schon gut, schon gut.

Er quält sich hoch und geht in den Flur, lässt die Schlafzimmertür wieder offen – nimmt den Hörer ab.

Hallo? Nein, hier ist nicht die Einhorn-Apotheke. Nein, hier ist für die nächsten hundert Jahre auch keine Apotheke geplant! Legen sie sich gefälligst ein neues Telefonbuch zu, da stehen alle Apotheken der näheren Umgebung mit den richtigen Telefonnummern drin!

Er legt auf, schleicht zurück ins Schlafzimmer und plumpst ins Bett.

Jetzt bin ich hellwach …

… aber ich nicht. Mach das Licht aus und die Augen zu!

Du kannst mich doch nicht einfach so, so, so ignorieren.

Kann ich doch!

Mein süßer Hase, mach dich bereit, dein Einhorn kommt zu dir!

Wer war das denn am Telefon?

Weiß ich doch nicht! – Aber eins weiß ich: Du hast die süßeste Stupsnase der Welt! Und das zauberhafteste Kinn! Und die schnuckeligsten Öhrchen und …

Lenk jetzt nicht ab! Wer war am Telefon?

Irgendeine Alte. Sie wollte was von ihrem Apotheker wissen.

Halt mal deine Hände still! – Und wenn die alte Frau etwas Wichtiges aus der Apotheke brauchte?

Dann kann sie sich ihr Zeug morgen früh holen! Nun komm schon.

War ihre Stimme noch munter, oder klang sie schon ein wenig ängstlich? Vielleicht braucht die alte Frau dringend ein Medikament! Eine lebenswichtige Arznei!

Gut, gut, ich werde mich neben das Telefon setzen, damit ich ihren nächsten Anruf nicht verpasse.

Das Telefon klingelt erneut.

Da hast du aber Glück gehabt und musst nicht die ganze Nacht wach bleiben.

Er springt auf, eilt in den Flur, reißt den Hörer von der Gabel.

Ja, hallo? … Nein, Sie sind nicht mit der Einh … natürlich ist hier ihre Einhorn-Apotheke. Was kann ich für Sie tun? … Richtig, ich bin der nette Apotheker mit der kleinen runden Brille auf der Nase, der Sie heute Morgen bedient hat! Regen Sie sich nicht auf! Bleiben Sie ganz ruhig! Schildern Sie mir einfach Ihr Problem! – – – Aber sicher. Vierzehn Tage in sitzender Haltung bei ausgestreckten Beinen!

Er legt auf, eilt ins Schlafzimmer hechtet in Bett.

War das wieder die alte Frau?

Wer sonst?

War es wichtig?

Und wie!

Und du hast du ihr helfen können, mein Einhorn?

Klar! Sicher! Natürlich! Sie wollte wissen, ob sie ihr Hühneraugenpflaster auch über Nacht auf den Zehen lassen kann.

Wie blöd‘ … Wenn’s jetzt klingelt, gehen wir aber nicht mehr ran!

Heute Abend, heute Abend gehen wir nirgendwo mehr ran! – Gute Nacht!

 

© Günter von Lonski, 2017

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