August

Ein Träumchen

»Guten Morgen, Schatz! Hast du gut geschlafen?«
»Ausgezeichnet.«
Er trinkt ein paar Schlucke Kaffee.
»Ich hatte schreckliche Alpträume, kann mich allerdings nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Und Durst hatte ich die ganze Nacht. Eine ganze Flasche Mineralwasser hab ich ausgetrunken. Schau mal, meine Zunge ist noch immer belegt. «
»Das kommt bestimmt vom Whisky!«
»Von zwei Gläsern?«
Er setzt sich an den Frühstücks­tisch. Der Toaster gibt mit einem Klicken eine duftende Brotscheibe frei. Sie greift nach dem Toast, bestreicht ihn mit Butter und legt ihm die Scheibe auf den Teller.
»Ich hab heute Morgen keinen Hunger!«
»Ist dir der Toast mal wieder zu dunkel?«
»Dann hätte ich etwas gesagt. Ich hab rasende Kopfschmerzen.«
»Du Armer!«
»Ich hab doch sonst nie Kopfschmerzen. Schau nicht so komisch! Hast du mir etwas in den Kaffee getan?«
»Nur so viel wie nötig war!«
»Zu solchen Scherzen bin ich am frühen Morgen wirklich nicht aufgelegt!« Er trinkt noch ein paar Schlucke Kaffee. »Doch egal was du auch anstellen magst, einer Scheidung werde ich niemals zustimmen!« Er greift nach der Zeitung und faltet sie auf ein Viertel ihrer Größe, um sich bequem in den Wirtschaftsteil vertiefen zu können. »Hast du heute etwas Besonderes vor?« fragt er beiläufig.
»Du weißt doch, dass ich donnerstags meinen Volkshochschulkurs habe!«
Er schiebt die Zeitung zur Seite, greift in die Jackentasche und zieht ein Päckchen Zigaretten heraus. Er steckt sich eine Zigarette an und bläst den Rauch gegen die Decke. Sie schiebt ihm den Aschenbecher hin und lächelt ihn an.
Eine Weile ist es still im Raum, dann erhebt er sich, greift sich an die Schläfen und klemmt die Zeitung unter den Arm. »Es wird sicher wieder später heute Abend«, meint er mit gequältem Ausdruck, »du weißt schon: Überstunden, Konferenzen, Arbeits­essen oder was sonst noch dazwischen kommen kann.«
Er gibt ihr einen flüchtigen Kuss und geht zur U-Bahn, erwischt einen freien Platz und will sich nun ungestört seiner Zeitung widmen. Doch er muss mehrmals ansetzen, um den ersten Satz überhaupt zu Ende zu bringen. Ihm ist so schlecht, sein Kopf ist schwer wie eine Bleikugel.
Irgendetwas stimmt nicht heute Morgen. Sie war beim Frühstück so aufmerksam wie schon seit Jahren nicht mehr. Bestimmt eine ihrer unergründlichen Launen, was sonst?
Er versucht sich wieder an dem Zeitungsartikel, doch er versteht kein Wort. Er grübelt, überliest ein paar Buchstaben, wendet die Zeitung und stutzt. Hat sie nicht gesagt, sie geht donnerstags zur Volkshochschule? Gestern Abend war er im Fitnessklub, und anschließend hat er die Sendung Frontal im Fernsehen gesehen. Also war gestern Dienstag und heute ist Mittwoch. Wo sie bloß wieder ihre Gedanken hat! Er blickt auf die Oberzeile seiner Zeitung und entziffert mit Anstrengung: Donnerstag, 20. Januar 2005. »Die können sich wohl keinen Korrektor mehr leisten«, murmelt er vor sich hin. Er dreht die Zeitung um, und sein Blick fällt auf das Kinoprogramm. Erscheint das Kinoprogramm nicht bereits seit Jahren am Donnerstag?
Irritiert wendet er sich an seinen Nachbarn. »Entschuldigen sie bitte: Welchen Tag haben wir heute?«
»Heute ist Donnerstag, der …,« der Nachbar schaut auf seine eigene Zeitung, »20. Januar. Wollen sie auch noch das Jahr wissen?«
»Nein, danke!« stottert er und wartet verwirrt auf seine Haltestelle. Als sich die Tür der U-Bahn öffnet, springt er auf den Bahnsteig und sucht nach einer Telefonkabine. Er will zu Hause anrufen.
Es klingelt. Mehrmals. Dann wird der Hörer abgenommen.
»Wenn heute Donnerstag ist«, fragt er ohne Einleitung, »wo war ich dann am Mittwoch?«
»Aber Schatz«, meint sie nachsichtig, »wir waren doch gestern beim Notar. Du warst so freundlich, dich endlich mit der Scheidung einverstanden zu erklären und mir für deine Misstaten dein Vermögen zu überschreiben. Weißt du das denn nicht mehr?«

© Günter von Lonski, 2017

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