April

Numero Uno

Ich will ein paar Tage Urlaub machen am Gardasee. Abstand gewinnen. Wieder zu mir selber finden. Eine schlimme Zeit liegt hinter mir mit Gerhards Tod und den vielen dummen Fragen der Polizei, dann mein unüberlegter Ausrutscher am See und schließlich die Wochen in der Neurologischen.

Ich nehme mir ein Appartement in weißem Marmor, will lange schlafen, am Ufer des Sees spazieren gehen und abends frischen Fisch aus dem See genießen.

Es gibt keinen Fisch aus dem See. In den Restaurants am Ufer werden Seezungen, Rotbarsch und Fischstäbchen angeboten. Ich habe mich seit Wochen auf den Fisch aus dem Gardasee gefreut und frage mich bei meinen Vermietern durch.

Antonio sei der letzte Fischhändler im Ort und gar nicht leicht zu finden: die Seepromenade entlang bis zum Piazza Garibaldi, dann durch den Torbogen zwischen Lederwarengeschäft und Supermarkt hindurch, den steil ansteigenden Weg hinauf bis zur ersten Querstraße, links am Frisörgeschäft vorbei, vorbei an der Autovermietung, der Weinhandlung und dem Reisebüro, dann stünde man direkt vor Antonios Fischhandlung.

Mehrmals laufe ich die beschriebenen Gassen entlang. Nichts. Nur Katzen. Viele Katzen. Sie dösen auf Mülltonnen, sitzen in Hauseingängen oder schleichen durch das abgestellte Gerümpel. Sie scheinen nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, doch ständig fühle ich mich von ihnen beobachtet.

Numero Uno fällt mir besonders auf. Bestimmt ein Kater. Herrscher über alle und alles. Grau mit schwarzen Streifen und einer einzigen weißen Pfote. Sein Blick so anmutig wie ein Florett und seine Bewegungen so grazil wie Peitschenhiebe. Wage es keiner, einem solchen Kater zu nahe zu kommen. Der gibt nicht nach, langt hin, wenn ihm was nicht passt. Wir hatten auch einen solchen Kater, Numero Uno zum Verwechseln ähnlich. Peterle! Ich habe ihn über alles geliebt.

Meine Suche nach dem Fischhändler will ich schon aufgeben, da entdecke ich vor einem Torbogen mit grünem Holztor einen älteren Motorroller, auf dem Gepäckträger einen weißen Plastikbottich. Auf dem Boden der Plastikwanne steht eine milchigrote Lache, Fischgeruch steigt mir in die Nase.Peterle nahm sich alles heraus, sprang auf den Tisch, stieg übers Essen, schnupperte an den Rotweingläsern, und haarte in die Obstschale. Peterle verstand mich. Und verteidigte mich. Wollte Gerhard zärtlich werden, lag Peterle im Schlafzimmer bereits ausgestreckt auf den Laken. Schon beim ersten Anzeichen einer möglichen Vertreibung pinkelte er seelenruhig ins Bett.

Peterle schien zu grinsen, wenn sich mein Mann über ihn aufregte. Mit jedem Schlag seines kurzen Schwanzes gab er Gerhards Worten einen höhnischen Akzent. Wollte ihn Gerhard greifen und vor die Türe setzen, wehrte er sich mit einem vierpfötigen Sprung an seinen Hals und hinterließ dort blutige Spuren.

Ich rüttle an dem verschlossenen Tor, sehe mich um und entdecke neben der Tür eine Klingel: Antonio Magnoli. Ich drücke die Klingel, lausche, ob sich etwas hinter dem Tor bewegt. Über dem Torbogen wird ein Fenster geöffnet, eine ältere Frau streckt den Kopf heraus: „Prego?“

„Ich hätte gern Fisch.“

„Momento! Meine Sohne kommen!“ sagt sie, zieht sich in die Wohnung zurück und ich höre sie energisch nach Antonio rufen. Gleich darauf geht oben die Haustür auf, ein schmaler Mann steigt eilfertig die steilen grauen Steinstufen aus der zweiten Etage herunter.

Gerhards Mutter! Sie hasste Tiere. Wenn sie mit meinem Peterle zusammentraf, zischten sich beide nur an.

Peterle ließ sich eben nichts gefallen. Er hat nach Gerhard geschlagen, aus seiner besten Jacke das Futter herausgerissen und Gerhards Platz neben mir am Tisch besetzt. Gerhard hat es lange hingenommen, Peterles provozierende Arroganz übergehen wollen, mich dann aber doch vor die Entscheidung gestellt: Er oder der Kater. Ich hätte mich nie von Peterle trennen können.

Als dann Peterle unter Gerhards Seidenkrawatten Amok gelaufen war, gingen Gerhard die Nerven durch. Rücksichtslos griff er nach Peterle, warf ihn trotz meiner Gegenwehr, meiner Schreie und Tränen in den Kofferraum des Autos und kehrte ohne ihn zurück.

„Forellen?“ fragt Antonio und sortiert die Schlüssel an seinem großen Schlüsselbund. Antonio schiebt das grüne Tor auf. Numero Uno flieht mit gesträubtem Fell in das chaotische Gerümpel neben der Treppe. Antonio, der seinen Kopf schräg zwischen den Schultern trägt, knipst das grellweiße Licht an und zieht sich eine graue Gummischürze über.

Ich sehe mich im Kellergewölbe um. Es ist bis zur Decke hell gekachelt. An der ganzen rechten Seite zieht sich ein gemauerter und gefliester Tisch entlang. Aus der hintersten Ecke starren mich grüne Porzellanaugen aus einem Sicherungskasten an.

Ich möchte zwei Forellen, nicht zu große, es sei eben für mich alleine und ich hätte in meinem Appartement nur eine kleine Kochstelle.

Direkt neben mir hängt ein großer Spülstein an der Wand. Der extra lange Hebel des Wasserhahns kann mit dem Ellbogen bedient werden. Mich fröstelt.

Gerhards Mutter hat der Polizei gesteckt, bei unserer Fahrradtour hätte ich Gerhard wohl absichtlich vor den Lastwagen gestoßen.

 

Ich! Üble Nachrede ohne Zeugen oder Beweise! Antonio öffnet die raumhohe Tür neben dem Sicherungskasten, holt eine schmuddelige Styroporkiste heraus und läßt die Tür des Kühlraumes offenstehen. Er nimmt zwei Fische aus der Kiste und legt sie auf eine Waage mit roten Digitalziffern. Dann schneidet er mit einer robusten Schere den Forellen den Bauch auf, zieht die Innereien heraus und legt die ausgenommenen Fische auf doppeltes Zeitungspapier. Antonios Hände triefen vor Fisch­milch, Blut und Wasser. Um die Finger schlängeln sich die Fischdärme.

Das Telefon klingelt, Antonio wischt die Finger oberflächlich an der Schürze ab. „Pronto, va bene,  si, si, sabato!“

Ich gehe ein paar Schritte in das Gewölbe hinein und versuche, in den Kühlraum zu schauen. Sofort kommt Antonio mit zwei, drei schlurfenden Schritten heran und versetzt der Tür einen Tritt, sie fällt ins Schloß. Antonio lächelt schief.

Er legt den Telefonhörer auf, schiebt die Innereien der Fische mit den Händen zusammen und wirft sie vor das Tor. Dann trägt er die ausgenommenen Forellen zum Spülstein und wäscht sie unter fließend kaltem Wasser innen und außen gründlich ab.

Ich zahle einen lächerlich geringen Betrag und verabschiede mich von Antonio, der hinter mir das Tor abschließt und gleich wieder die steile Treppe zu Mama hinaufeilt.

Die Forellen schmecken einfach köstlich – so frisch aus der Pfanne mit etwas grobkörnigem Salz bestreut. So stehe ich nun jeden zweiten oder dritten Tag vor dem Torbogen und drücke auf die Klingel.

„Prego?“

„Forellen!“

Numero Uno beobachtet aufmerksam jede meiner Bewegungen und wartet geduldig auf seine Fischabfälle.

„Momento. – Antonio!“

 

Wir werden vertrauter, kommen ins Gespräch. Die Geschäfte gingen schon seit Jahren schlecht. Im Sommer kämen zwar die Urlauber vom Campingplatz oder aus Pensionen und Ferienwohnungen, doch ab September, Oktober wäre alles vorbei.

Wie er denn im Winter seine Familie ernähren könne?

Er habe keine eigene Familie. Gott sei Dank habe er Mama, die den Sommer über fleißig stricke. Im Winter würden sie dann gemeinsam die warmen Sachen an der Talstation der Seilbahn verkaufen. Es kämen immer mehr Leute zum Skifahren, trotzdem wäre der Verdienst nur gering. Die Kaufhäuser in den Städten mit ihren Plastikschals und billigen Handschuhen wären eine unüberwindliche Konkurrenz! Es lohne kaum noch, aber was solle man machen!

Antonio hängt wieder mal seine Schürze an den Nagel und schließt hinter mir das grüne Tor. Neben der Steintreppe verzehrt Numero Uno die ihm vorgeworfenen Innereien. In gehörigem Abstand warten die anderen Katzen auf seine Reste.

Ich werde zu meinem Appartement hinaufgehen und mich in die Sonne setzen, doch nach wenigen Schritten entschließe ich mich umzukehren, um an der Strandpromenade noch einen Espresso zu trinken.

Gerade gehe ich wieder am Torbogen von Antonios Fischhandlung vorbei, da schwebt von einer Wäscheleine über der Straße ein Hemd herunter, fängt sich in Höhe des ersten Stocks eine Windböe und landet im Gerümpel neben Antonios Steintreppe.

Ich will meinen Korb mit den beiden Felchen auf dem Treppenabsatz abstellen, besinne mich aber angesichts der lauernden Katzenhorde und wühle mich mit einer Hand durch das Gerümpel. Ich angle nach dem Hemd, ein Blechschild fällt um, ich richte mich wieder auf, trete zurück auf die Gasse und übergebe der herbeigeeilten Hausfrau das Hemd zur erneuten Wäsche.

Ich freue mich auf meinen Espresso. Vielleicht auch einem kleinen Rotwein. Doch da steht plötzlich das umgefallene Blechschild wieder vor meinen Augen: schwarze Schrift auf gelbem Grund, Worte mit grobem Pinselstrich geschrieben, ich erinnere Wortfetzen wie Kälte, billig, Euro.

Ich gehe zurück, ziehe das Schild aus dem Gerümpel und lese:

Billig, billig Katzenfele

gut bei Schifahrn

gegen Kälte, Wind, Gicht

EUR 80,-  – 2 Stuck EUR 150

Einen Augenblick schwanke ich zwischen Ekel und Wut. Dann sehe ich die grauen Steinstufen am Haus vor mir und wie Antonio sie hinuntereilt. Er wird sie nur noch einmal hinuntereile – schnell – viel zu schnell …

© Günter von Lonski, 2017

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